Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmschulen

Banner
23.08.2011

Die FIRST STEPS AWARDS 2011 sind verliehen-hier die Preisträger und Jurybegründungen

Die Spielfilmkategorien

Vorbemerkung der Spielfilmjury
Es war wohl ein Rekordjahr. Bezogen auf die Quantität, war das unsere Last: Wir haben sehr viel sehen müssen. Aber es war ebenso unsere Freude: Wir haben sehr viel sehen dürfen, bezogen auf die Qualität.
"GESUCHT WIRD weniger der 'perfekte' Film als die persönliche Handschrift einer Filmemacherin oder eines Filmemachers, von deren zukünftigen Arbeiten Impulse auf die Film- und Medienkultur zu erwarten sind" – so steht es in den Statuten zu First Steps. Das ist ein sehr hoher Anspruch, und mit dem sind wir angetreten, die Filme auszuwählen. Alle nominierten Filme hielten ihm stand.
Ein kurzer Überblick: Es gab außergewöhnlich viele Filme, die im Ausland gedreht wurden, in einer anderen Sprache erzählen.
Das ist ja nichts Neues: mit deutschem Fernweh über fremde Länder schreiben, dann hingehen und filmen, was man zuvor zu Hause hübsch ausgedacht hat. Die First Steps Nominierten haben einen anderen Weg gewählt. Sie haben zugelassen, dass das Neue, das sie vorfanden, ihre Konzepte, ihre Ideen verändert oder gar ihre gesamten Geschichten über den Haufen wirft.
Dazu gehört Mut, denn man muss sich einlassen, und dabei riskiert man – bekanntlich – viel.
Das Risiko hat sich gelohnt.

Die Nominierungen in der Kategorie Kurz- und Animationsfilme


Die Flaschenpost
Animationsfilm, 9’. Regie: Florian Grolig, Kunsthochschule Kassel
Ein Schiffbrüchiger findet scheinbar Rettung auf einem Segelboot, bevor er begreift, dass dessen Besatzung auf ein fatales Ziel zusteuert. Florian Groligs Abschlussarbeit, die auf der Erzählung "MS. Found in a Bottle" von Edgar Allan Poe basiert, entwickelt in expressionistischem, schwarzweißem Zeichenstil eine furchterregende Sogwirkung. Ganz ohne Dialoge vertraut der Film seiner außergewöhnlichen Tongestaltung. "Wohin steuern wir eigentlich?" ist die Frage, das Rätsel dieses außergewöhnlichen Films – im wörtlichen, aber durchaus auch im übertragenen Sinn.

Flamingo Pride
Animationsfilm, 6’. Regie: Tomer Eshed, HFF "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Party Time bei den Flamingos! Aber wehe, du bist Hetero und an einer schönen Storchendame interessiert! Im Spiel mit den Klischees der Screwballcomedy beweist Tomer Eshed großes Talent. Handwerklich auf bemerkenswertem Niveau, mit bezaubernd entworfenen Charakteren, entwickelt sich der höchst unterhaltsame Animationsfilm über die Perversion der Clubszene ganz beiläufig zu einer Reflexion über die Masse und den Einzelnen.

Heldenkanzler
Animationsfilm, 13’. Regie: Benjamin Swiczinsky, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg
Der Film über Engelbert Dollfuß’ Aufstieg und Ende und die damit verbundene Geschichte des Austrofaschismus ist ein Produkt der Künstlergruppe "Neuer österreichischer Trickfilm". In einer Mischung aus dokumentarischem Material und animierten Sequenzen geht das Team um Benjamin Swiczinsky ohne moralinsaure Pädagogik und mit sarkastischem Blick auf Konfrontationskurs mit der nicht vorhandenen Aufarbeitung eines dunklen Teils österreichischer Geschichte.
...Nominierungen in der Kategorie Kurz- und Animationsfilme...

Lucky Seven
Kurzspielfilm, 25’. Regie: Claudia Heindel, Hochschule für Fernsehen und Film München
Londonderry ist überall. Drei Teenager in Irland, herausragend von den jungen Laiendarstellern verkörpert, zeigen ein Spiegelbild universeller Gefühle jugendlicher Verlorenheit. Wie kaum ein anderer Beitrag behandelt dieser Film eines der wichtigsten Themen des Jahrgangs: Jugendliche, die ihren Platz im Leben suchen. Authentisch und gut beobachtet, auf den Punkt erzählt und mit poetischer Bildsprache wirft Claudia Heindels Abschlussfilm einen zärtlichen Blick auf eine raue Wirklichkeit.

Raju
Kurzspielfilm, 24’. Regie: Max Zähle, Hamburg Media School
Ein deutsches Ehepaar adoptiert in Kalkutta ein Waisenkind, das gleich darauf wieder verschwindet. Wotan Wilke Möhring verkörpert glaubwürdig und mit intensivem Spiel den verzweifelten Vater und dessen Hilflosigkeit in den indischen Straßenschluchten. Unterstützt von der bemerkenswerten Kameraarbeit Sin Huhs und einer bewundernswerten Erzählökonomie gelingt dem Film ein Einblick in ein bewegendes Sujet. Eine Parabel über die Machbarkeit und den Preis von Glück, in einer Zeit, in der alles käuflich und machbar erscheint.

Der Preisträger in der Kategorie Kurz- und Animationsfilme

Der FIRST STEPS Award 2011 in der Kategorie Kurz- und Animationsfilme geht an:
Dígame – Sag mir
Kurzspielfilm, 23'. Regie: Josephine Frydetzki, HFF "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Nur ein paar Szenen an einem Tag aus dem Leben eines Mannes, und schon sind wir mitten drin in seiner Geschichte, die längst angefangen hat, die kompliziert und undurchschaubar ist wie das Leben auf der Straße, die Tänze zur Feier der 200jährigen Unabhängigkeit Argentiniens – und im Kontrast dazu verfängt sich der Protagonist immer weiter in seinen Abhängigkeiten. Irgendwie, ohne dass man wissen muss, warum, ist er rausgeflogen aus dem Leben und sucht nun atemlos, rastlos, fast verzweifelt Kontakt, körperlichen, emotionalen. Irgendeinen verfluchten Zugang, der am Ende bedeutet: ausgeraubt auf der Straße zu landen.
Dazu braucht es nur zwei, drei prägnante Szenen, aber immer gibt es den sehr präzisen Blick der Macherin, aller Beteiligten. Denn "Dígame" ist auf jeder Ebene sehr gut gemacht: Bild, Montage, Ton, Mischung.
Da schöpft eine junge Filmemacherin souverän aus der Tiefe menschlicher Existenz. Sie schafft es, unzählige Schichten erahnen zu lassen, ohne Erklärungen, ohne Oberflächenverknüpfung, aber mit dem sicheren Gespür für Bilder, Atmosphären, Rhythmus; und in der Inszenierung ihrer Darsteller mit all den unsichtbaren Dimensionen, die menschliches Leben ausmachen und Schauspiel authentisch.
Das ist reif und mutig, das macht neugierig und gierig. Das ist atemlos, außergewöhnlich und mitreißend. Großes Kino in kurzer Form: "Dígame".

Die Nominierungen in der Kategorie Spielfilme bis 60 Minuten

Fort – Sxvagan
Spielfilm, 60’. Regie: Tinatin Gurchiani, HFF "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Nach dem Selbstmord des besten Freundes zieht ein junges Paar durch Georgien, durch Müllgebirge und Vorstädte, trostlose Landschaften von bizarrer Schönheit. Dazwischen schneidet die Regisseurin kunstvoll arrangierte Straßen-Interviews. Tinatin Gurchianis Abschlussfilm vermittelt ein authentisches Lebensgefühl, in der Tradition osteuropäischer Kinomeister, aber stilistisch eindrucksvoll individuell und mit großem Vertrauen in die geschaffenen Atmosphären. Es ist nicht nur ein Blick auf Armut und Hoffnungslosigkeit, sondern auch eine Reflexion grundlegender Fragen, die sich nach dem Verlust eines geliebten Menschen stellen: Was ist Glück? Was ist Freiheit?

Oshima
Spielfilm, 34’. Regie: Lars Henning, Kunsthochschule für Medien Köln
"Lost in Müdigkeit": Lars Hennings Studie über Einsamkeit und Heimweh ist eingebettet in die Rahmenhandlung einer Zeugungsgeschichte. Aus der Perspektive des dauermüden japanischen Handlungsreisenden erzählt er von seiner Unfähigkeit, mit den übergroßen Fragen des Lebens fertig zu werden. Wo Einhörner durch Kölner Tiefgaragen traben und ein Hotelflur Zugang in eine andere Welt ist, verliert sich der Zuschauer in einer Traumwelt, die nur einen Schritt von der Wirklichkeit entfernt liegt.

Stille Wasser
Spielfilm, 30’. Regie: Anca Miruna Lazarescu, Hochschule für Fernsehen und Film München
Zwei junge Männer fliehen in den achtziger Jahren aus Ceausescus Rumänien über die Donau nach Deutschland. In seinen dreißig Minuten lässt der Film eine Epoche und ihr Lebensgefühl vor uns entstehen, ohne je wie ein Rückblick in eine vergangene Zeit zu wirken. Anca Lazarescus Film ist bis zum überraschenden Ende glaubwürdig und atmosphärisch dicht erzählt. Gerade durch diese Reduktion gelingt ihr ein sehr unprätentiöses und kunstvoll gestaltetes filmisches Kleinod. Im Zusammenspiel mit den großartigen Darstellern und der souveränen Bildgestaltung wird die Geschichte dieser Flucht zu einer Parabel über die Suche nach dem Glück, das Risiko und den Preis, der dafür zu entrichten ist.

Von Hunden und Pferden
Spielfilm, 34’. Regie: Thomas Stuber, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg
Skurril wie das wirkliche Leben, anrührend und glaubwürdig wird die Liebe eines Mannes zu seinem Hund erzählt, für den er bereit ist, alles zu geben, was ihm bleibt. Basierend auf einer Kurzgeschichte des Leipziger Autors Clemens Meyer, in strengem Schwarzweiß und mit kunstvoller Lichtsetzung, hinterlässt der Film einen bleibenden Eindruck. Wir sind im Bann dieser Randexistenzen, denn Thomas Stuber erweist sich als intelligenter, sparsame Mitteln gekonnt einsetzender Regisseur, der das Wagnis einer literarischen Adaption aufnimmt und ihm mehr als gerecht wird.

Der Preisträger in der Kategorie Spielfilme bis 60 Minuten

Der FIRST STEPS Award 2011 in der Kategorie Spielfilme bis 60 Minuten geht an
Papa
Spielfilm, 40’. Regie: Umut Dag, Filmakademie Wien
Es beginnt wie eine dokumentarische Prekariatsstudie – weinende Kinder, allein gelassen mit einem rappenden Macho, dessen Freundin ihn mitten in der Nacht verlassen hat. Doch schon in den ersten Filmminuten entsteht daraus die sensible, dramaturgisch klug gebaute Beobachtung eines jungen Vaters, der zunehmend Verantwortung und Zuneigung für seine Kinder entwickelt. Die genaue Regie von Umut Dag, der hier zum großen Teil mit Laiendarstellern arbeitet, ermöglicht den Blick hinter die Stereotype medialer Zerrbilder. Jeder Moment dieser kleinen, großen Reise wird wirklich ernst genommen. Murathan "Aqil" Muslus Darstellung dieses Papas ist eine Offenbarung. Der Rapper gibt dem Hin- und Hergerissensein zwischen seiner Existenz als Musiker und den widersprüchlichen Gefühlen, die er in sich entdeckt, nicht nur ein einprägsames Gesicht, sondern auch eine große Wahrhaftigkeit. Näher kann man mit filmischen Mitteln der Wirklichkeit kaum kommen.

Die Dokumentarfilme

Vorbemerkung der Dokumentarfilmjury
Wer lebt hier? Wie lebt es sich hier? Warum leben wir?
Auffällig viele der 53 Einreichungen für den Dokumentarfilm-Wettbewerb 2011 beschäftigten sich mit Migration und Migranten, mit Fremde und Heimat, mit Identität und Assimilation. Die Erfahrung des Anderen und die Beschäftigung mit den eigenen Wurzeln (die für viele Absolventen nicht in Deutschland liegen) sind die hervorstechenden Themen dieses Jahrgangs. "Generation E" war der dazu passende Titel eines eingereichten Diplomfilms.
Viele dieser Filme waren thematisch interessant, aber setzten in der Auswahl ihrer Protagonisten, der Dramaturgie und der Wahl ihrer künstlerischen Mittel auf Konventionelles. Bei FIRST STEPS spielt immer auch die Perspektive des jeweiligen Filmemachers eine Rolle: Wir erwarten keine perfekten Filme, aber Impulse auf das Filmschaffen. Keine letztgültige Sichtweise auf die Wirklichkeit, aber eine Beschäftigung mit der Art und Weise, wie sich ein Dokumentarfilmer in Zukunft mit der Wirklichkeit auseinandersetzen könnte.
Bemerkenswert war in diesem Jahr das besondere Niveau kürzerer Dokumentarfilme, die unter den üblichen Zeitfenstern von 45, 60 oder 90 Minuten bleiben. Viele der eingereichten Filme räumen ihrem Thema exakt so viel Zeit ein, wie es eben braucht, um konzentriert, aber nicht komprimiert erzählt zu werden. Nach Meinung der Jury verweist dieses Vorgehen auf eine besondere Souveränität im Umgang mit Stoff und Form, Marktbedingungen und Publikumserwartungen. Unter den sechs Nominierungen sind daher gleich zwei Filme unter 30 Minuten. Diese kürzeren Formate sollen künftig mehr Beachtung finden. Deshalb hat die Jury sich entschlossen, einen Sonderpreis für kurze Dokumentarfilme zu vergeben – in der Hoffnung, damit auch Weichen für die Zukunft zu stellen und bei FIRST STEPS eine Preiskategorie für kurze Dokumentarfilme in den regulären Wettbewerb aufzunehmen.

Die nominierten Filme

Glücksritterinnen
Dokumentarfilm, 80’. Regie: Katja Fedulova, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
Es war eine Reise in ungewisse Zukunft, es wird eine Rückkehr zu alten Erwartungen: Die Regisseurin Katja Fedulova kam Anfang der neunziger Jahre als Abiturientin nach Kiel. Wie viele ihrer Freundinnen war auch sie von ihrer Mutter per Schiff nach Deutschland geschickt worden, weil Russland nach dem Zusammenbruch der UdSSR der Oberschicht und ihren Töchtern keine Zukunft mehr versprach. 17 Jahre später trifft die dffb-Absolventin ihre Weggefährtinnen und deren Mütter wieder. Schonungslos ziehen die Frauen Bilanz – und die Regisseurin nimmt sich bei diesen gnadenlosen Diskussionen um Lebensentwürfe, die hohen Erfolgserwartungen der Mütter und die unstillbare Sehnsucht der Töchter nach der verlorenen Geborgenheit nicht aus. Vor allem in jenen Szenen, in denen die Enttäuschungen der Mütter – "Warum bist du nicht Kultusministerin geworden?" – auf die Erschöpfungen der Töchter treffen, findet "Glücksritterinnen" Momente von nur schwer aushaltbarer Intensität.

Ich Koch!
Dokumentarfilm, 72’. Regie: Bettina Timm, Hochschule für Fernsehen und Film München
Zeit kann sich in diesem Film nur die Kamera nehmen, die mal geduldig, mal gespannt beobachtet, wie Menschen Tag ein, Tag aus, Bon für Bon gegen die Zeit antreten, anschwitzen, ankochen. Bettina Timm folgt zwei Kochlehrlingen bei ihrer Ausbildung: Julien dreht bis zur Erschöpfung Knödel für den Mittagstisch im Münchner Ratskeller, Georg zerlegt mit sichtbarem Widerwillen teure Tiere für die Sternegastronomie von Christian Greiner. Beide arbeiten hart und haben ihre liebe Not, die Anfangsbegeisterung nicht an der täglichen Routine abzuwetzen. "Ich Koch!" ist ein bilderstarker, unterhaltsamer, gelegentlich poetischer, oft witziger, aber immer authentischer Film über die wenig glamouröse Arbeitswelt der Gastronomieköche. Und eine kleine Heldenzertrümmerung ist es auch.

Kauf mich!
Dokumentarfilm, 59’. Regie: Catalina Florez Ibarra, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg
"Ob das wohl hält?" fragt der Schneider die Domina. "Glaubst du, ich mache viel Geld mit diesem Bikini?", fragt die Hure die Schneiderin. "Kauf mich!" nähert sich der Lebens- und Arbeitswelt von Amsterdamer Prostituierten über eine ganz handfeste Sache: ihre Berufskleidung. An der Seite der Dessous-Schneiderin Vivian, die den Mädchen hinter den Glasscheiben Maßgeschneidertes verkauft, begegnet Catalina Florez Ibarra ihren Gesprächspartnerinnen. Es geht um die großen Dinge des Lebens – Liebe, Geld, Freiheit – und die kleinen Geheimnisse des Gewerbes – Push-ups, Mascara und Freierwünsche. Alles eine Frage der Perspektive. Diese hier ist ungewöhnlich. Nicht nur für einen Abschlussfilm.   

Private Eyes
Dokumentarfilm, 25’. Regie: Andrea Thiele, Hochschule für Fernsehen und Film München
Eigentlich ist es ja ganz simpel: Man sieht und hört mehr, wenn man sich reglos und ruhig verhält. Andererseits: Wer sich nie zu erkennen gibt, bleibt immer draußen. "Private Eyes" ist nur vordergründig ein Film über den Privatdetektiv Jeff aus Miami. Hinter den suggestiven Stadtbildern und poetischen Gedanken, die den Film mit herrlich viel Schaulust aufladen, ist "Private Eyes" doch vielmehr ein artifizielles Essay über das Sehen, eine sorgsame Vermessung von Distanz und Nähe, eine Liebeserklärung an das Zuschauen und das innere Bedürfnis, bei allem hellwach, aber von den Handelnden unbemerkt am Rand zu stehen. Insofern ist "Private Eyes" immer auch eine kluge Reflexion der Dokumentarfilmerin über das Dokumentarfilmmachen.

Die Preisträger in der Kategorie Dokumentarfilme

Der FIRST STEPS Award 2011 für kurze Dokumentarfilme geht an
Die Frau des Fotografen
Dokumentarfilm, 29’. Regie: Karsten Krause & Philip Widmann, Hochschule für Bildende Künste Hamburg
Will, wer jede freie Minute fotografiert, damit die Zeit anhalten?
Wird, wer sich als Aktmodell hingibt, deshalb gleich zum Objekt werden? "Die Frau des Fotografen" erzählt in dichten 29 Minuten und selten gesehener Offenheit von zwei gemeinsam verbrachten Leben, einer besonderen Liebe und einer mit Wonne geteilten Obsession. Da ist Eugen, der "Eisenbahner", der die Welt wohl am liebsten durch den Sucher betrachtet. Und Gerti, seine Frau, die in seinen 1241 akribisch archivierten Schwarzweiß- und Farbfilmen die fortgesetzte Liebeserklärung erkennt. So wie die Filmemacher Eugens Bilddokumente und Schriftstücke mit Gertis lebendigen Erinnerungen und ihren aktuellen Interviewzeugnissen kompilieren, fragt "Die Frau des Fotografens" immer auch nach den ersten und letzten Fragen des Lebens: Wer sieht mich? Und: Was bleibt?

Der FIRST STEPS Award 2011 für lange Dokumentarfilme geht an

The Other Chelsea – Eine Geschichte aus Donezk
Dokumentarfilm, 88’. Regie: Jakob Preuss, Freie Produktion
Von der "Orange Revolution" wissen wir aus den Fernsehnachrichten, vom ukrainischen Sportverein "Schachtjor Donezk" aus dem Uefa-Pokal. Den Ukrainer Oligarchen Rinat Achmetow kennen wir vielleicht noch aus der "Forbes"-Liste der Milliardäre. Die dralle Walja und den gutmütigen Stepanowitsch schon eher gar nicht.
Der Film "The Other Chelsea" erzählt seine Geschichte aus dem Kohlestädtchen Donezk wie eine russische Matroschkapuppe: In jeder Figur steckt noch eine weitere. Da ist die amüsante Story vom unaufhaltsamen Aufstieg des ukrainischen Clubs an die Weltspitze, da ist die tragische Liebe der Bergleute zu ihrer maroden Kohlegrube, da ist der ehrgeizige Emporkömmling Kolja Lewtschenko und sein Selfmade-Verständnis von Demokratie und Gerechtigkeit. Sie alle nimmt der Regisseur Jakob Preuss unter die Lupe, ohne sie je im Brennglas einer überheblichen Kritik zu versengen.
Wir verstehen so mehr von den vielen losen (Lebens-)Enden, welche die Orange Revolution hinterlassen hat, und von den gesellschaftlichen Zusammenhängen, die für Außenstehende so wenig zu erkennen sind. Und zwischen all diesen Babuschkas bewegt sich der Filmemacher mit schlafwandlerischer Sicherheit. Wo Sportrechte fehlen, greift er zum Stilmittel der Animation. Wo er selbst als Freund seines Protagonisten eine Rolle spielt, gibt er sich der Kamera zu erkennen. Wo Widersprüchlichkeit nicht aufzulösen ist, reicht er den Zweifel ganz absichtsvoll an sein Publikum weiter. Ein souveräner, stilsicherer und bei alldem auch noch herrlich leichtfüßiger Film.

Die Werbefilme

Vorbemerkung der Werbefilm-Jury
Vor einem Jahr wurde der Commercial Award Jahrgang 2010 etwas hart angefasst. Angesichts der eingereichten Spots wurden mangelnder Mut, wenig Innnovation und das schmerzliche Fehlen von Überraschung bemängelt.
12 Monate später müssen wir leider feststellen: Oops, they did it again! Die totale Erinnerung. Zurück in die Zukunft. Ich weiß, was du letzten Sommer gesagt hast – aber es ist uns egal! Scheinbar wurden wir nicht gehört.
Natürlich waren auch dieses Jahr gelungene Spots dabei – sonst hätten wir ja keine fünf nominierten Filme. Aber insgesamt waren wir wieder etwas enttäuscht. Was ist los?
Ja, wir haben dieses Jahr die oft kritisierte Längenbegrenzung von 60 Sekunden für die eingereichten Spots aufgehoben – nicht zuletzt, um der vorherrschenden Vielfalt und den neu hinzu gekommenen Einsatzmöglichkeiten von Werbefilmen  gerecht zu werden. Aber: Länger heißt nicht automatisch besser! Nicht jede Idee trägt für mehrere Minuten! Auch wenn ihr wahnsinnig viel Zeit, Herzblut und Geld in gerade diesen einen Shot gesteckt habt – kill your darlings! Es ist in der Werbung durchaus ok, schnell zur Sache zu kommen…
Doch genug der Kritik. Wir schlagen euch folgendes vor: Erzählt Geschichten! Das geht auch und gerade in der kurzen Form. Werbt für kleine, originelle, andere Produkte – wer zwingt euch, den millionsten Spot für eine Jeansmarke zu produzieren? Und bitte: Lasst mal für zwei Jahre den Klavierdeckel zu – euch fallen doch bestimmt noch andere Sounds ein als weichgespülte Piano- und Gitarrenteppiche! Fasst euch ein Herz, werdet wieder mutiger, kompromissloser, frecher. Schockiert uns, bringt uns zum Lachen, Staunen, Grübeln. Dann loben wir euch in einem Jahr über den grünen Klee. Versprochen!

Der Preisträger in der Kategorie Werbefilme

Der FIRST STEPS Commercial Award 2011 geht an:
Constantin Film / Antipiraterie: "Wir beklauen dich doch auch nicht, oder?"
Regie: Judith Schöll, Filmakademie Baden-Württemberg
Schwieriges Thema – optimale Umsetzung. Von allen im Jahr 2011 eingereichten Werbefilmen ist es Judith Schöll mit ihrem Spot "Wir beklauen dich doch auch nicht, oder?" am besten gelungen, das beworbene "Produkt" aus einer frischen Perspektive darzustellen und gleichzeitig scheinbar mühelos auf den Punkt zu bringen.
Die Grundidee – Was würde eigentlich passieren, wenn das Imperium zurückklaut? – erscheint im Rückblick äußerst naheliegend. Aber nur Judith Schöll ist darauf gekommen. Zudem hätte dieser Appell gegen das Raubkopieren furchtbar in die Hose gehen können. Jeder von uns kann sich zweifellos an einen Antipiraterie-Spot erinnern, nach dessen Genuss man am liebsten sofort illegal den nächsten Blockbuster heruntergeladen hätte.
Aber in diesem Fall ist das nicht so. Dank klassischer, schnörkelloser Inszenierung, die problemlos drei verschiedene Episoden in knapp einer Minute verwebt, sowie prominenter Überraschungen im Cast bleiben unser Interesse durchgehend hoch und die Sympathie für Thema und Botschaft erhalten.
Dass es sich hierbei um Judith Schölls erste eigenständige Regiearbeit handelt – also ein wahrlicher FIRST STEP – ist umso bemerkenswerter. Denn eigentlich hat sie dieses Jahr ihr Studium im Fach Produktion an der Filmakademie abgeschlossen. Respekt! Wir sind sehr, sehr gespannt auf ihre nächsten "Steps".

Die Nominierungen in der Kategorie Abendfüllende Spielfilme

August
Spielfilm, 83’. Regie: Mieko Azuma, Hochschule für Fernsehen und Film München
Eine deutsche Schriftstellerin reist nach Hiroshima, wo die Gedenkfeiern zum Atombombenabwurf am 6. August 1945 in Vorbereitung sind. Zugleich sucht sie die Orte ihrer eigenen Kindheit auf, die mit der Demenzerkrankung ihrer Mutter verloren zu gehen drohen. Ein halb-dokumentarischer Film mit langen Fahrten und Gängen durch eine Stadt, deren Architektur nichts von ihrer schrecklichen Geschichte verrät. Ein eindrucksvoller Blick auf eine Gesellschaft, die noch immer mit den Wunden der Vergangenheit zu kämpfen hat. Und fast beiläufig beleuchtet die Abschlussarbeit von Mieko Azuma, wie sehr die ritualisierte, oft banal wirkende offizielle Gedenkkultur und die Bedeutung persönlicher Erinnerung auseinander klaffen.

Der Fluss war einst ein Mensch
Spielfilm, 80’. Regie: Jan Zabeil, HFF "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Ein junger deutscher Schauspieler reist nach Afrika. Als sein ortskundiger Kanuführer stirbt, trudelt der junge Weiße, aller Sicherheiten beraubt, ins Nichts. Alexander Fehling lässt uns das Gefühl existentieller Angst hautnah miterleben: Was sind wir wert, wenn der Rahmen unserer Sicherheiten nicht mehr gegeben ist? Dem Regisseur Jan Zabeil gelingt eine moderne Erzählung unseres Verhältnisses zur Dritten Welt und eine aktuelle Joseph-Conrad-Variante. "Der Fluss war einst ein Mensch" ist das herausragende Beispiel für eine ganze Reihe anspruchsvoller Spielfilme, die mit kleinen Budgets bewusst und gekonnt umgehen. Halb dokumentarisch, halb inszeniert, oft improvisiert – immer außergewöhnlich.

Papa Gold
Spielfilm, 77’. Regie: Tom Lass, Freie Produktion
Denny verbringt seine Tage und Nächte als moderner Don Juan, bis sein Stiefvater bei ihm einzieht, im nicht zu erschütternden Glauben, die Familie wieder zusammenbringen zu können. Im anarchistisch-lustvollen Zusammenspiel von Tom Lass und - in seiner ersten Filmrolle - Peter Trabner entfaltet sich ein vergnügliches Buddymovie, das von der hohen Kunst der Improvisation und komödiantischem Spieltrieb lebt. Das Langfilm-Regiedebüt des Schauspielers Tom Lass macht Lust auf mehr und neugierig auf die nächsten Produktionen der "Lass Bros".

Vergiss dein Ende
Spielfilm, 94’. Regie: Andreas Kannengießer, HFF "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Eine Frau pflegt ihren demenzkranken Mann, bis sie nicht mehr kann. Uneingeladen folgt sie dem Nachbarn, den sie kaum kennt, der sich in der Trauer über den Tod seines Lebensgefährten ans Meer flüchtet. Unerwartet muss ihr Sohn die Verantwortung für den Vater übernehmen. Eine Familie wird gesprengt und setzt sich neu zusammen. – Das ist wirklich keine typische "Studenten-Story": Hier geht es um Alter, Krankheit und Tod, um den Verlust der Liebe und der Geliebten, um Würde und Verantwortung. "Vergiss dein Ende" ist ein sehr reifer Film, mit einem Thema, das uns alle angeht, und mit großem Respekt vor den Figuren erzählt. Und nicht zuletzt  mit einem großartigen Schauspieler-Ensemble besetzt: Renate Krößner und Hermann Beyer, Dieter Mann und – zum ersten, aber hoffentlich nicht zum letzten Mal auf der Leinwand zu sehen – Eugen Krößner.

Der Preisträger in der Kategorie Abendfüllende Spielfilme

Der FIRST STEPS Award 2011 in der Kategorie Abendfüllende Spielfilme geht an
Kriegerin
Spielfilm, 105’. Regie: David F. Wnendt, HFF "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Marisa ist Neonazi aus Überzeugung, ständig im Krieg mit der Gesellschaft um sich herum, voller Hass auf jeden und alles, was nicht ihrem Weltbild entspricht. Erst die Begegnung mit einem gleichaltrigen Flüchtling aus Afghanistan und das Abdriften einer jungen Freundin in die Radikalität öffnen ihr die Augen, und sie beginnt sich zur Wehr zu setzen.  
Mit schonungsloser Nähe lässt uns David Wnendt Teil an ihrem Leben haben. Kein vorsichtiges, pädagogisches Portrait mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein kraftvoller, riskanter und schockierender Film, der eine noch grausamere Wirklichkeit spiegelt: Hass und Rechtsradikalität als einzig Sinn stiftendes Element einer wütenden Jugend, die keine Perspektive in unserer Gesellschaft zu haben scheint. Dabei beweist sich David Wnendt auch als hervorragender Autor, der die spürbar genaue Recherche zu einem fesselnden Drehbuch verarbeitet.
Die Hauptdarsteller Alina Levshin und Gerdy Zint verkörpern ihre Figuren mit so atemloser Wucht, dass beim Zuschauen Empathie und Abscheu hautnah beieinander liegen.
Ein Kinofilm, der mutig und direkt in die Abgründe unserer Gegenwart blickt.

Dokumente:
Jurybegruendungen_2011.pdf130 K

News

11.09.2014 

"Lügen und andere Wahrheiten"

Vanessa Jopps Spielfilm "Lügen und andere Wahrheiten" kommt am 11. September in die deutschen Kinos. Weiter

© 2014 First Steps